February 16, 2012

"Ich hätte wie Jünger gehandelt" - Volker Schlöndorff

Interview aus "Die Welt", 15.02.2012. Autor: Heimo Schwilk | 06:39


"Ich hätte wie Jünger gehandelt"
Volker Schlöndorff über seinen Film "Das Meer am Morgen", der die Geschichte einer Geiselerschießung zur Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich erzählt.

Als Volker Schlöndorffs Film "Das Meer am Morgen" erstmals beim Filmfestival in Biarritz gezeigt wurde, löste er beim Publikum Erschütterungen aus, es gab Tränen und danach stehenden Applaus. Der Film erzählt die Geschichte des jungen Kommunisten Guy Môquet, der 1941, zur Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich, zu den 50 Geiseln gehörte, die nach einem Attentat auf einen deutschen Offizier zur Vergeltung erschossen wurden. Die Filmhandlung erhält eine pikante Note dadurch, dass Schlöndorff den Schriftsteller Ernst Jünger, von 1941 bis 1944 als Offizier im deutschen Militärhauptquartier in Paris tätig, auftreten lässt (gespielt von Ulrich Matthes). Jünger hatte auf Anordnung des Militärbefehlshabers von Stülpnagel eine Dokumentation der Geiselerschießungen verfasst und die Abschiedsbriefe der Hingerichteten übersetzt. "Das Meer am Morgen" wird bei der Berlinale außerhalb des Wettbewerbs gezeigt.

Aus "One Man's War" (La guerre d'un seul homme, 1983)  - von Edgardo Cozarinsky.


Die Welt: Herr Schlöndorff, was halten die Franzosen davon, dass ausgerechnet ein deutscher Filmregisseur die Geschichte der Geiselerschießungen erzählt?

Volker Schlöndorff: Es war ja ein französischer Journalist, der mir ein Buch zu diesem Thema gegeben hat mit der Bitte, ich soll etwas darüber machen. Ich war sofort emotional gepackt und habe entschieden, den Film zu drehen. Ich wollte die Geschichte allerdings erst einmal den Deutschen erzählen. So wie Marc Rothemund den Fall Sophie Scholl den Ausländern nahebringen wollte, so möchte ich, gerade als Partner des deutsch-französischen Senders Arte, den Fall des jungen Kommunisten Guy Môquet den Deutschen erzählen. Es gibt eine psychische Energie, die von starken Emotionen ausgeht, die sich dann im Film wiederfindet. Diese Energie hat die Lektüre des Buches bei mir ausgelöst.

Die Welt: Gab es eine Schlüsselszene, die Sie bei der Lektüre bewegte?

Volker Schlöndorff: Ja, das war die Stunde, in der die Verurteilten zusammensitzen und auf ihren Tod warten. Sie dürfen noch Abschiedsbriefe schreiben, und ich habe die Szene als vielstimmigen Gesang inszeniert.

Die Welt: Die Verurteilten sterben alle mit Haltung, ja Größe.

Volker Schlöndorff: Was schreiben die Verurteilten in ihren Briefen? Der eine klagt, dass man nicht mehr gemeinsam Pilze suchen kann, ein anderer, dass man nicht mehr zusammen singen werde. Also ganz einfache Dinge, nichts Metaphysisches, keine "letzten Worte", keine Philosophie. Gott kommt sowieso nicht vor, weil alle Atheisten sind und keiner bereit ist, zu beichten oder vom Priester eine letzte Tröstung anzunehmen. In Kriegszeiten werden Menschen in extreme Situationen gestellt, die es sonst nicht gibt. Das sind seit Shakespeare die großen Dramen, in denen auch kleine Leute zu Helden großer Taten werden. Das lohnt sich immer wieder zu erzählen. Ich feiere, das klingt jetzt pathetisch, tatsächlich die Größe des Menschen, seinen Mut und den ungebrochenen Glauben an eine bessere Welt. Das Filmprojekt hat auch mir selbst unendlich viel gegeben. Beim Schreiben des Drehbuchs war ich oft zu Tränen gerührt. Alles inszenierte sich wie von selbst, auch die Arbeit mit den deutschen Schauspielern, mit Jacob Matschenz oder mit Ulrich Matthes, der Ernst Jünger spielt, war wunderbar.

Die Welt: Sind Sie mit der Darstellung der deutschen Soldaten zufrieden? Der die Hinrichtung kommandierende Offizier hat doch etwas Klischeehaftes, einmal ist er eiskalt, dann wieder hysterisch lachend oder jovial.

Volker Schlöndorff: Unsere Wahrnehmung dieser Zeit hat sich sehr verändert. Ich bespreche mich natürlich mit Ratgebern, hatte einen deutschen und einen französischen General im Ruhestand. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie unpersönlich der Ton damals in der Armee war. Die gefangenen Franzosen im Lager unterhielten sich sicher wie meine Bühnenarbeiter in der Kaffeepause. Deutsches Militär zu Zeiten des Dritten Reiches darzustellen ist jedoch sehr schwer. Ich habe mich deshalb an Beschreibungen von Heinrich Böll und Ernst Jünger gehalten. Trotzdem wirken manche Figuren tatsächlich wie Karikaturen, zum Beispiel der junge Offizier, der mit sich überschlagender Stimme schreit. Er ist eben so, wie ihn Böll in seiner Erzählung "Vermächtnis" beschrieben hat. Dazu kommt, dass Konstantin Frolov, der ihn spielt, ein Temperament in dieser Richtung hat.

Die Welt: Haben Sie Ernst Jünger als Autor erst bei der Arbeit an diesem Film entdeckt?

Volker Schlöndorff: Als ich 1978 den Film "Der Fangschuss" gemacht habe, las ich Jüngers "In Stahlgewittern". Die Hauptfigur des Films, ein preußischer Offizier des Ersten Weltkriegs, gespielt von Matthias Habich, war direkt von Jünger inspiriert. Die Grabenkriegsszenen des Films sind alle Jüngers Kriegsbuch entnommen. Ernst Jünger ist mir als Figur aber erst richtig durch die Lektüre des großartigen Tagebuchs "Gärten und Straßen" nahegekommen. Ich kann mir vorstellen, dass ich in diesen Zeiten als Offizier ähnlich gefühlt und gehandelt hätte. Jüngers Umgang mit Frauen und Künstlern wie mit den Generälen im Pariser Stab, das Hin und Her zwischen Privatem und Dienstlichem ist in den "Strahlungen" eindrucksvoll dargestellt.

Die Welt: Jüngers Geliebte "Charmille" tritt bei Ihnen als Sängerin auf. Dabei war sie eine Lehrerin, deren jüdischer Ehemann in einem Lager in Deutschland interniert war.

Volker Schlöndorff: Man hat mir geraten, die Salonszene aus dem Film herauszunehmen, aber ich habe kurzerhand entschieden, sie drin zu lassen. Sie ist wichtig als Kontrast zu den Szenen mit den Gefangenen. In dem kurzen Dialog zwischen Jünger und Charmille wird ja klar, dass es sich um eine amouröse Freundschaft handelt.

Die Welt: Auf den Hinweis Jüngers im Film, seine Uniform verpflichte ihn, anderen Schutz zu gewähren, antwortet Charmille sinngemäß: Was denn die Uniform geholfen habe bei den Geiselerschießungen und Deportationen? Sie verwehren Jünger die Antwort, er verstummt. Aber tatsächlich hat er, wie der Pariser Schriftsteller Joseph Breitbach nach 1945 berichtete, der Résistance Hinweise über geplante Razzien zukommen lassen und damit Menschenleben gerettet.

Volker Schlöndorff: Jünger meinte aber auch, dass er sich nicht berufen fühle, ins Rad der Geschichte zu greifen. Das hat er den Widerständlern gesagt, die ihn aufforderten, Hitler zu erschießen, wenn dieser nach Paris kommt. Abgesehen von der ganz eigenen Rolle Jüngers interessierte mich bei der Konzeption des Films die Tötung von Menschen als Verwaltungsakt, das Zusammenspiel von französischen Behörden und deutschem Militär. Alle gingen völlig in ihren Funktionen auf. Insofern ist der Film zweischneidig: Zum einen ist er ein Denkmal für den tapferen Guy Môquet, aber zugleich wird die französische Verstrickung in die mörderischen Vorgänge deutlich. Jünger notiert im Tagebuch, dass General Otto von Stülpnagel sich schuldig mache, ob er nun handle oder nicht. Das galt natürlich auch für die französische Seite.

Die Welt: Dort ist inzwischen eine hitzige Diskussion entbrannt. Ihnen wird Geschichtsklitterung und Relativierung der Schuld vorgeworfen.

Volker Schlöndorff: Das Gegenteil ist wahr. Indem ich Klischees verweigere, aus jedem Täter einen Menschen mache, bekenne ich mich zu einer gesamteuropäischen Historie.

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