11 November 2011

Ausstellung: "Über Bäume und Gestein – Albert Renger-Patzsch und Ernst Jünger" - Aus der Münchener Abendzeitung

Fotografie: Auf den Marmorklippen unter der Weltesche
Von Christa Sigg, aktualisiert am 06.11.2011 um 18:55

Albert Renger-Patzsch, Astwerk einer Solitärfichte, ca. 1960, Albert Renger-Patzsch Archiv | Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne © Ann und Jürgen Wilde, Zülpich / VG Bild-Kunst, Bonn

In der Pinakothek der Moderne ist die Fotografie-Ausstellung „Über Bäume und Gestein. Albert Renger-Patzsch und Ernst Jünger” zu sehen

Kühltürme hat er fotografiert und Kaffeetassen. Eisenbahnbrücken und Zugfedern. Wegen seines sachlichen Blicks auf die Industriekultur war Albert Renger-Patzsch (1897-1966) schwer gefragt, berühmt geworden sind seine Schuhbügeleisen aus den Fagus-Werken. Doch am Ende kam der Mann, der die Zivilisation mit so kühlem Auge ins Visier nahm, wieder auf ganz Ursprüngliches, ja Archaisches zurück, das den Menschen nicht braucht: „Bäume” und „Gestein”.

Renger-Patzsch widmet ihnen seine letzten Bildbände, die „Summe seiner Existenz”, wie er betont. 28 Originalfotografien aus diesen Zyklen bilden nun in der Pinakothek der Moderne eine außergewöhnliche Schau.

Für München ist die Sammlung Wilde ein Sensationsfang.

Schon die zweite übrigens aus den Beständen der Sammlung Wilde – das Kölner Galeristen-Ehepaar hat den Staatsgemäldesammlungen seine sensationellen Schätze vermacht mit Fotografien von Karl Blossfeldt und August Sander, Man Ray oder den Bechers. Im aktuellen Fall macht die Renger-Patzsch-Ausstellung allerdings neugierig durch ihren eher fotografie-fernen Titel-Zusatz „Ernst Jünger”.

Man bringt die beiden auch schwerlich zusammen, den Fotografen der Oberfläche, der nie Künstler sein wollte, und den Schriftsteller, den es mit kunstvoll verschraubter Sprache in die Tiefen zog. Doch Renger und den zwei Jahre älteren Jünger verband seit den frühen vierziger Jahren echte Freundschaft, dokumentiert durch einen regen Briefwechsel. Und so verschieden man die beiden in Haltung und Interesse wahrnimmt, so groß war die gegenseitige Achtung.

Natürlich kam nur Jünger in Betracht, um den literarischen Standpunkt zu Rengers aufwändigst eingefangenen Bildfolgen zu liefern. Angeregt vom Industriellen Ernst Boehringer. Der Pharmaunternehmer bestellte die Serien für zwei luxuriöse Buchprojekte: In kleiner Auflage sollten sie im Privatdruck erscheinen, bestimmt für ein exklusives Publikum aus Freunden und Kunden. Und mit 60000 Mark war der Preis für diese „schönsten Bäume Deutschlands” immens. Der durchschnittliche Jahreslohn lag im Jahr 1961 bei rund 5000 Euro.

Beide Bände kann man nun in einer Vitrine bewundern, ein paar Fotos und Briefe in einer zweiten – und damit sind wir beim einzigen Manko der vielversprechenden Ausstellung: Man muss schon im 2010 erschienenen Briefwechsel zwischen Jünger und Renger blättern, um wirklich Erhellendes über deren Beziehung und die Genese der Prachtbücher zu erfahren.

Yggdrasil darf bei Jünger nicht fehlen.

Sicher, man kann die Baum-Folgen und genauso die Gesteinsformationen, die Renger mit einem Geologen erkundet hat, auch so goutieren. Die mit Hingabe erspähten, exakt begrenzten Bildausschnitte stehen für sich. Und man vermag Renger nicht zu widersprechen, sämtliche Prinzipien dieses wichtigsten Vertreters der Neuen Sachlichkeit treffen hier noch einmal aufeinander: Neben der Konzentration auf den Bildausschnitt sind das der Fokus auf die Beschaffenheit der Oberfläche, der Sinn für Rhythmen und Strukturen. Wie hinkomponiert versammeln sich dürre Pappeln, beginnt sattes Kastanienlaub zu schwingen. Das Astwerk einer Solitärfichte in Untersicht bohrt sich wie die Borsten einer Bürste in den Raum. Daneben ordnen sich Basaltblöcke zum aparten Mosaik, formen Sandsteinmassive eine harsche Landschaft, die genauso gebrochene Blockschokolade sein könnte.

Jüngers Aufsätze dazu befremden. Er beschwört im Baum die „Macht des Urbildes”. Und landet erwartungsgemäß bald beim Mythos, der „im Baume nicht nur den Lebens-, sondern auch den Weltenbaum erkennt”. Da darf schließlich Yggdrasil, die Weltesche, nicht fehlen, „in deren Schatten die Götter sich versammeln” und „die den Untergang überdauert”. Schwer erträgliches Pathos, das mit der geradezu nüchternen Auffassung Rengers kaum in Einklang zu bringen ist. Aber Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Und bei längerem Betrachten beginnen die Bäume ja doch zu erzählen, die Rinde einer uralten Eiche, dichte Tannenzweige oder eine mächtige Eschenkrone. Mit einer ziemlich großen Portion Fantasie womöglich noch von Yggdrasil.

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