22 June 2011

Briefwechsel Ernst Jünger - Dolf Sternberger

Vielen Dank an Tobias Wimbauer, der Jünger-Spezialist vom Wimbauer Buchversand, für den Hinweis auf einen Briefwechsel Ernst Jünger / Dolf Sternberger, der in diesen Tagen in der Zeitschrift SINN UND FORM erscheint.

Auch von Wimbauer diese schon Auszüge von der heutigen FAZ:
(Text: F.A.Z., 22.06.2011, Nr. 143 / Seite N3)

War Stalin der eigentliche Oberförster?
Man muss in diesen Briefen zwischen den Zeilen lesen: Die Endkatastrophe war seit dem Winter 1941 vielleicht noch nicht zur Gewissheit, aber doch zur Möglichkeit geworden. Zwischen Frankfurt und Paris spannte sich die Korrespondenz zwischen Dolf Sternberger und Ernst Jünger, in der die Winke für den Wissenden lesbar wurden.



Sternberger an Jünger
Frankfurter Zeitung
Frankfurt am Main, 15. 12. 41.
Große Eschenheimer Straße 31-37

Sehr verehrter Herr Jünger,

ich weiß nicht, ob Sie sich noch an das Gespräch erinnern, das wir an jenem Abend bei Frau von Schnitzler miteinander hatten: mir ist es sehr bedeutsam gewesen, und darum habe ich auch manche Einzelheiten noch genau im Sinn. Zum Beispiel eine Bemerkung, die Sie über die Rolle der "gescheiterten Existenzen" machten. Das Wort wird ja gemeinhin im bürgerlichen Ton gesprochen, als ein Urteil, das Leute »in geordneten Verhältnissen« fällen. Gleichwohl hat es einen objektiven Sinn, bezeichnet ein wirkliches Phänomen, und ich glaube richtig gehört zu haben, dass Sie selbst ein scharf umrissenes Bild dabei vor Augen hatten. Nun ist es merkwürdig, dass zwar nicht die gescheiterte, wohl aber die scheiternde Existenz in einem gewissen modernen philosophischen Sprachgebrauch nicht bloß positiv, sondern geradezu emphatisch vorgeführt wird ("Existenzphilosophie").


Bei so hoher Rechtfertigung braucht sich auch eine tatsächlich gescheiterte Existenz in dieser Welt nicht unwohl zu fühlen, und sie tun es ja auch nicht. Die Figur des Scheiternden hat ihre Naturgeschichte - und mir fiel an jenem Abend, als Sie das Stichwort sprachen, eine Arbeit ein, in der ich vor einigen Jahren versucht hatte, diese Naturgeschichte aufzuhellen. Ich glaube nicht unbescheiden zu sein, wenn ich mutmaße, dass Sie dieser Versuch interessieren könnte, und erlaube mir, Ihnen ein Exemplar zu schicken: vielleicht finden Sie eine Stunde Zeit zur Lektüre und vielleicht können Sie mir gelegentlich eine Zeile darüber schreiben, aus der ich sehen kann, ob meine Mutmaßung richtig gewesen ist.

Darf ich Sie bitten, den Herren vom "George V" meine Empfehlungen und Grüße zu übermitteln - dem Obersten Speidel, Herrn Grüninger und dem Grafen Podewils. Herr Nebel hat mir sein afrikanisches Büchlein geschickt, das mich sehr fesselt. - Ihnen selbst, verehrter Herr Jünger, die besten Grüße Ihres ergebenen Dolf Sternberger



Jünger an Sternberger
Kirchhorst/über Hannover,
22. XII. 1941

Sehr geehrter Herr Sternberger,

Für die Übersendung Ihrer Studie sage ich Ihnen meinen besten Dank. Ich sende Ihnen das Exemplar, da es Ihr einziges ist, in diesen Tagen zurück. Ich stimme Ihren Ausführungen vollkommen zu: Gewisse Entscheidungen setzen heute die gescheiterte Existenz a priori voraus. Dass diese heute überhaupt die Regel bildet, habe ich nie bezweifelt, und Ihr Aufsatz gibt dazu eine gute Illustration. Gestern sandte ich Ihnen eines der Exemplare des Vorabdruckes meines neuen Buches, das bereits eine interessante Geschichte hinter sich hat. Ich hoffe, dass es verständnisvolle Leser finden wird. Sie erhalten dann noch ein gebundenes Stück.

Ihren Gruß an die Inselrunde des George V werde ich übermitteln; ich fahre am 1. Januar des neuen Jahres dorthin zurück. Auch Ihnen soll ich Grüße bestellen, und zwar von einer sehr intelligenten Frau, mit der ich zuweilen plaudere, nämlich von Mdme. Ravoux, die Sie vielleicht nur unter ihrem Mädchennamen Sophie Koch kennen; sie hat in Heidelberg Medizin studiert. Das Buch von Kusenberg, La Botiglia, von dem ich sprach, erschien im Rowohlt-Verlag.

Mit den besten Wünschen für das Jahr 1942 Ihr Ernst Jünger



Sternberger an Jünger
Frankfurter Zeitung
Frankfurt am Main, Februar 42
Große Eschenheimer Straße 31-37

Sehr verehrter Herr Jünger,

noch habe ich Ihnen von Herzen zu danken für das Geschenk der "Gärten und Straßen", das rechtzeitig zu Weihnachten kam und mir eine sehr große Freude bereitet hat. Ihre freundlichen Wünsche für 1942 erwidere ich aufrichtig und gründlich. Jeder Tag in diesem Jahr wird von Bedeutung sein, und an jedem Tag wird es genau darauf ankommen, was wir denken und reden und tun.

Am Neujahrstag habe ich mit der Lektüre Ihres Tagebuches begonnen - übrigens mit einer lauten Lektüre (ich habe meiner Frau daraus vorgelesen). Ich fand sehr viele Notizen, die mich in einer ganz unmittelbaren Weise angingen. So die über die Frösche (9. April 39): die Wahrnehmung der seltsamen Menschenähnlichkeit dieser Wesen, namentlich wenn sie sich zum Sprunge recken oder gar aufrichten, liegt mir schon seit Jahren im Sinn, und ich erinnere mich noch genau der Stelle im Homburger Kurpark, wo sie mir zuerst auffiel oder, wie Sie sagen, "einleuchtete", sehr plötzlich und ganz präzis. Ich musste damals sogleich an das Märchenmotiv des Froschkönigs denken, das sicher damit zusammengehört: ein verzauberter Mensch! - eine philosophische Zoologie würde, wie ich überzeugt bin, sich mit großem Nutzen dieser Bildersprache bedienen können und sogar müssen.

Die literarischen Beobachtungen - über das Wort "jene" und über den Gebrauch des Schluss-e - haben mich sehr vertraut berührt. Wenn ich nicht irre, bezeichnen diese Bemerkungen einen Weg, der gleichsam zur vollkommenen Normalisierung der literarischen Sprache führt. Mir schwebt immer ein Satz Pascals vor, der das Prinzip der Einfachheit im Idealfall so weit treiben möchte, dass die Leser bei sich selber sagen: das hätte ich auch schreiben können, was soll da eigentlich Besonderes daran sein! (Dies ist nicht Pascals Wortlaut, aber seine Tendenz.)

Ihre - wohl selbstkritische - Anmerkung über den Rhythmus in der Prosa (S. 9) und namentlich die ausgezeichnete Formulierung »die Anstrengung ist umso lohnender, je weniger sie wahrgenommen wird« scheint mir in dieselbe Richtung zu weisen. Alle Entdeckungen stilistischer und grammatischer Möglichkeiten, die man macht, müssen doch am Ende wieder ins Gleichgewicht gebracht werden derart, dass sie auch überlesen werden könnten (ich sage: könnten).

Von großem Wert waren mir auch die Hinweise auf die "Marmorklippen" - namentlich was auf S. 7 über die allegorische Lesart und über die dunklen Stellen steht. Ich habe das fast wie eine Antwort und einen genauen Nachtrag zu dem Gespräch empfunden, das wir bei Schnitzlers miteinander führten. Und Ihre Meinung ist mir jetzt nicht allein vollkommen deutlich, ich sehe auch, dass sie wahr ist. Inzwischen habe ich, in ganz anderer Sphäre, eine ähnliche Erfahrung gemacht - nämlich mit einigen Lesern eines Aufsatzes über Fabeln, den ich Weihnachten veröffentlicht habe. Ich lege Ihnen ein Exemplar bei und glaube - wenn anders Sie Lust und Zeit finden, ihn zu lesen -, dass Ihnen diese Andeutung über die Reaktionen der Leser genügen wird.

Erlauben Sie mir aber noch eine mehr fragende als kritische Bemerkung: der Schluss des Satzes über die Würmer auf S. 17 ist mir nicht ganz verständlich geworden. Liegt der Akzent auf »ruht« im antithetischen Kontrapunkt zu "geschlechtlich" oder will der Satz sagen, dass das Geschlechtliche des Menschen im physischen Sinne (die Organe) etwas Wurmhaftes hat?

Ich bewundere die Knappheit, das Griffige oder Begreifende, ja Zupackende Ihres Ausdrucks so sehr, dass das geringste Schwanken des Sinnes mich verstört: verstehen Sie die Frage bitte aus dieser Gesinnung! Inzwischen ist auch Ihr freundlicher Brief aus Kirchhorst eingetroffen, für den ich Ihnen herzlich danke. Wollen Sie so liebenswürdig sein, "Mme. Ravoux" bei Ihrer nächsten Begegnung von meiner Frau und mir sehr herzlich zu grüßen: Sophie Koch ist unvergessen, und die Überraschung über dieses seltsame Wiederfinden war groß und freudig. Wer ist Mr. Ravoux? Könnte sie nicht einmal nächstens ein Briefchen schreiben oder, wenn es auf dem direkten Weg nicht geht, durch Sie expedieren lassen (falls ich Sie um diesen Dienst bitten darf)?

Der Sonderabzug, den ich hier noch beilege - hoffentlich sind Ihnen diese Beilagen nicht lästig -, "Das glückliche und das gefährliche Leben", ist die Essay-Fassung des Vortrags, den ich Ende Oktober in Paris gehalten habe, und dieser Einladung verdanke ich ja vor allem die Bekanntschaft mit Ihnen, verehrter Herr Jünger. Aber von dieser Beziehung abgesehen, möchte ich vermuten, dass der Gegenstand Sie reizen wird: ich wüsste gern, was Sie davon denken.

Ich schließe und bleibe mit den besten Grüßen und Wünschen

Ihr ergebener Dolf Sternberger



Jünger an Sternberger, 13. Februar
1942 (richtig vermutlich: 13. 2. 1942)

Sehr geehrter Herr Sternberger,

Leider kann ich Ihren ebenso umfangreichen wie inhaltvollen Brief nicht mit gleichem Maße wettmachen. Nehmen Sie daher mit einigen Notizen vorlieb. Die Bemerkung über die Würmer ist komplex und sollte sich sowohl auf anatomische wie physiologische und psychologische Daten beziehen. Sie haben recht, dass Sie die Prägnanz des Ausdrucks schätzen; es muss aber immer auch Stellen geben, die Zwielicht haben und zum Nachdenken anreizen. Auch habe ich in diesen Text zu meinem Hausgebrauche und zu meiner persönlichen Erheiterung labyrinthisch eine Reihe von Anspielungen sowohl auf Erlebnisse wie auf Verhältnisse versteckt, musste aber doch erfahren, dass es heute noch recht intelligente Leser gibt.

Sie fanden also bestätigt, dass ich Sie in Paris nicht mystifizierte und doch gibt es in der von Ihnen erwähnten Konzeption auch manches Mysterium. Wenn man dem Autor eine gewisse Souveränität zubilligt, so darf man erwarten, dass er nicht allzu streng nach dem Leben zeichnet, sondern dass das Leben sich nach seinen Bildern ausrichtet. So wäre jetzt vielleicht Stalin derjenige, welcher der Idee des Granforestiere am nächsten kommt, denn dieser hat doch Format und manche der verbreiteten Ausdeutungen waren für mich als seinen Schöpfer beinahe beleidigend. Ihre Sophie Ravoux betreffenden Fragen wird diese selbst beantworten; sie las inzwischen Ihren Brief. Die Unterhaltungen mit dieser höchst intelligenten Frau gehören für mich zu den verborgenen Oasen unserer Wüstenei.

Im Georges V tagten wir inzwischen noch manches Mal illuster; wissen Sie, dass wir bei Ihrem Besuch vierzehn Flaschen Haut Brion umlegten? Das letzte Mal wurde dieser Record nun um eine weitere erhöht, freilich saß wieder der "Dichte Nebel" mit am Tisch. Das muss man wissen bei den Gerüchten, die über dieses Cénacle verbreitet sind. Für Ihre beiden "Beilagen" besten Dank; ich lese sie am nächsten ruhigen Nachmittag. In diesen Wochen und Tagen gibt es ja manches zu tun.

Empfehlen Sie mich bitte Ihrer Gattin. Ihr Ernst Jünger

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