May 9, 2011

Jünger Tagung in Villa Vigoni

Courtesy of the Associazione Eumeswil in Florence, I have this information about an important Ernst Jünger convention in Italy May 18 to 21. The event will take place primarily in German language, as the program below confirms. Full information in German below, summary also in Italian.
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DEUTSCH

"Faszinationsgeschichte des Totalitären. Ernst Jünger zwischen europäischer Romantik und Moderne. Storia del fascino del totalitario. Ernst Jünger tra romanticismo europeo e modernità."

Tagung in der Villa Vigoni. 18. bis 21. Mai 2011.

Die Rezeption der deutschen und europäischen Romantik durch Ernst Jünger ist oft und von prominenter Seite (bspw. Karl Heinz Bohrer) behauptet, aber niemals schlüssig belegt worden. Da sie einen Topos der Jünger-Forschung darstellt, der in so mancher Monographie und in diversen Aufsätzen auftritt, ist es an der Zeit, den Romantik-Spuren in Jüngers Werk auf den Grund zu gehen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Romantik als Epoche (und ihren Repräsentanten) und der Fortdauer des Romantischen, das als Konstante bis heute fortlebt und durch Richard Wagner (»Romantischer Antisemitismus«) und Friedrich Nietzsche (»Was ist Romantik? ? Die fröhliche Wissenschaft«), Thomas Mann (»Das Leben als Kunstwerk«) und Carl Schmitt (»Politische Romantik«) seine Fortschreibung erfahren hat. Das Romantische bezeichnet hier eine deutsche Geisteshaltung, eine »Karriere des Imaginären«, und führt von Heine bis zu den Erregungen des 20. Jahrhunderts.


Die Anhaltspunkte bei Jünger sind augenscheinlich gut, fällt ein Teil seines Öuvres doch in die Frühe Moderne, in der sich verschiedene Strömungen überlagern, darunter Neuromantik und Expressionismus, Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus. Außerdem ist bekannt, dass Jünger deutsche und italienische, französische und amerikanische Romantiker rezipiert hat und sie in seinem Werk zitiert, darunter E. T. A. Hoffmann (1776-1822), Novalis alias Friedrich von Hardenberg (1772-1801), Friedrich Hölderlin (1770-1843), Germaine de Staël (1766-1817), Alessandro Manzoni (1785-1873) und Giacomo Leopardi (1798-1837) sowie den Symbolisten Edgar Allan Poe (1809-1849). Offensichtlich haben ihn dabei romantische Stilgesten, Realitätskonzepte, Gattungserwartungen (bzw. überschreitungen) und auch persönliche und politische Haltungen beeindruckt.

Soweit Jüngers Weltanschauung eine romantische Topik anklingen lässt, gehört zu ihr die Sehnsucht nach einer verloren geglaubten universalen Einheit und Harmonie. Der Entomologe Jünger beobachtet sie in Flora und Fauna, die er in ein Weltganzes einzuordnen sucht. In dem kosmischen Weltenplan, den er unterstellt, ist die Existenz und Gegenwart des Menschen (auch) als Störfaktor zu werten, weil es ihm an Einsicht in die universale Einheit der Schöpfung mangelt. Doch erfahren Jüngers Waldgänger-Figuren, die dafür eine Sensibilität ausgebildet haben, die Zauberkräfte der Natur und die geheime Teleologie machtvoller Traumwelten.

Dem Symposium geht es nicht ausschließlich um den Nachweis von Bezügen im Sinne der älteren Einflussforschung. Ausgangspunkt der Überlegungen soll es auch sein, Jüngers Ironiebegriff, sein Verhältnis zu Religion, Politik und Ästhetik sowie das pragmatische Umfeld seiner Werkstiftung (Stichwort »Krieg«) mit einzubeziehen. Neben universalistischen Ansätzen sind es, so die These, spezifische Annahmen eines (moderneren) romantischen Denkens, das den Einbruch der technischen Welt und der titanischen Kräfte der Industrialisierung in die einst »universale« und »harmonische« Einheit die Welt für das Auftreten bislang nicht bekannter sozialer und politischer Verwerfungen verantwortlich macht. Ziel muss es daher sein, das von den Texten präsupponerte »kulturelle Wissen« zu bestimmen und es mit der Topik einer romantischen Ideenwelt zu vergleichen. Auf welchem Wege nämlich die utopischenVerheißungen der Romantik ebenso wie ihre Untergangsszenarien in J.s Werk hineindiffundiert sind, ist unbekannt. Wohl aber sind J.s Rückführungsversuche der Bedingungen der Welt auf ein metaphysisches Fundament beobachtbar, seine Anknüpfungen an eine (platonische?) unzerstörbare und reine Ideenwelt, die der romantischen Sehnsucht nach Vollkommenheit gleicht, aber im Zeitalter des Totalitarismus nur im Klima gewaltsamer Umwälzungen und Enttäuschungen diskutiert werden kann.

Das Spannungsfeld J.s zwischen europäischer Romantik und Moderne soll in Impulsreferaten und Diskussionsrunden durchmessen werden. Vorträge, flankiert durch Respondenzen, sowie Diskussionsbeiträge sollen uns neue Anstöße geben. Die Zusammensetzung respektiert die starke Jünger-Rezeption in der Romania und in Deutschland, der eine entsprechend rege und vielfältige Forschung entspricht. Nach dem Modell der Forschergruppe "Poetik und Hermeneutik" (1963-1994) soll das Gespräch ausgewertet und als Tagungsband oder im Rahmen der "Carnets" publiziert werden.

Es geht darum, die Zerrissenheit der Moderne als langen Prozess zu begreifen, der am Ende der Aufklärung einsetzte und sich bis in die Moderne tradiert hat. Dieser Prozess zeitigte nicht bloß negative Folgen, sondern hat den Raum der Kunst und Literatur auch befreit und erweitert. Die schöpferischen Individualisten der Gegenwart lassen sich so als späte Spiegelungen der Romantik fassen. Die Doppel- und Draufgänger, die Maskenträger und Alchimisten und die in der Romantik von Melancholie und Wahnsinn gebeutelten Künstler aller Art treten vom Rande der Gesellschaft ins Zentrum der modernen Welt und erfinden sich immer neue Wege der Selbstverwirklichung. Ihrer inneren Zerrissenheit entspricht dabei das Fragment als bewusste ästhetische und künstlerische Ausdrucksform, entspricht der vagierende, mäandernde Essay, der an die Stelle geschlossener Theoriegebäude tritt, entspricht die Introspektion des Tagebuchs als intimer Schau des modernen Subjekts.

In der Jünger-Forschung werden außerdem der Nihilismus (als Folge seiner Nietzsche-Rezeption) und die ästhetische Wirklichkeitsflucht des Autors (wie auch die seiner Protagonisten) diskutiert, der die Zuwendung und genaue Beobachtung der Phänomene der Moderne nur scheinbar widerspricht. Dieser Haltung aus Separierung und (Neu-)Orientierung ist die eigentlich inkommensurable und erst im hohen Alter erfolgte Konversion J.s zum Katholizismus korreliert.

Darüber hinaus spielt die Faszination des romantischen Helden für die Welt des Totalitären eine bedeutende Rolle in der Jünger-Rezeption. Diese Faszination gipfelt in der Tendenz, den gefährlichen Augenblick emphatisch zu bejahen und als Steigerung des Lebens selbst dann zu akzeptieren, wenn am Ende der sichere Selbstverlust in Wahnsin oder Tod zu gewärtigen ist. Das Totalitäre ist, wie das Numinose, Tremendum und Faszinosum zugleich, und in ihm auf- oder unterzugehen, verheißt dem Subjekt höchste Erfüllung seines Daseins. Dieser Tod kann auch symbolisch erfolgen, etwa im Einswerden des Subjekts mit der Masse.

Dieser konservative, fast regressive Charakter des Romantischen Denkens (und der Politischen Romantik à la Carl Schmitt, mit dem Jünger seit 1930 bekannt war und mit dem er einen regen Briefwechsel unterhielt) äußert sich im politischen Klima der Zwischenkriegszeit ebenso wie in der Jugendkultur- und Ökologiebewegung der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Selbst Jüngers privateste Liebhaberei, die konservative Disziplin der Entomologie, die in den Erscheinungen der Käferwelt eine magische und tiefere (göttliche) Wirkungsmacht walten sieht, eine höhere Ordnung, als sich mit Linnès System klassifizieren lässt, kann als Rückbesinnung auf ökologische Prinzipien gefasst werden, die dieser Ordnung genügen wollen und dazu, im dichterischen Wort, analoge Welten zu stiften suchen.

Konservativ und romantisch zugleich wirkt ferner der enzyklopädische, universalistische Anspruch, Welt und Wissen wieder miteinander zu versöhnen, in einem »Organismus aller Künste und Wissenschaften« (à la Schlegel) alle (scheinbar) entgegengesetzten Aspekte der Wirklichkeit Natur ebenso wie Technik, Mythos ebenso wie Geschichte zusammenzuführen oder per Analogieschluss aufeinander zu beziehen.

Programm & Teilnehmerliste/Programma e Lista dei partecipanti:

1) Prof. Dr. Danièle Beltran-Vidal (Lyon): Ablösung vom romantischen Helden durch den Titan, die neue Gestalt der Moderne, in Ernst Jüngers Erzählung »Eine gefährliche Begegnung« (1985)

2) Dr. Andrea Benedetti (Rende): »Der »totale« und unheimlich »faszinierende« Charakter des modernen und post-modernen Staates

3) PD Dr. Benninghoff-Lühl (Berlin/Hamburg): Die blaue Blume: Ernst Jünger und die Paulownia. Alternativ: Das Spiel mit dem Namen: Zur Totalität der Signatur "E.J."

4) Dr. Stefano Beretta (Parma): Ernst Jüngers politische Ästhetik

5) Dr. Vincent Blok (Voorburg): Ernst Jünger und Johann Gottfried von Herder

6) Mario M. Bosincu (Sassari): Ernst Jünger und die romantische Lebenskunst des Müßiggangs

7) Prof. Dr. Domenico Conte (Neapel): Modernität und Primitivismus bei Ernst Jünger

8) Prof. Dr. Thomas Gloning (Gießen): Ernst Jüngers politische Publizistik 1919?1933. Sprachgebrauch, Schlüsselwörter, Diskurstraditionen

9) Sandro Gorgone (Messina): Ernst Jünger und die metaphysische Kategorie der Totalitä

10) Dr. Gabriele Guerra (Marburg): Auf den Marmorklippen: (k)ein Schlüsselroman? Opfertheologische und -politische Bemerkungen am Beispiel der Rezeption Julius Evolas

11) Prof. Dr. Lutz Hagestedt (Rostock): »Waffe im geistigen Raum«. Ernst Jüngers Romantische Reprise des Essays

12) Prof. Dr. Volker Mergenthaler (Marburg): »Die ungeheuren und mannigfachen Formen [...] in einen Rahmen zusammenzufassen« - zur Bildpolitik von Ernst Jüngers »Das Antlitz des Weltkrieges«

13) Prof. Dr. Horst Möller (München): Masse und Macht bei Ernst Jünger

14) Maik Müller M. A. (Berlin): Jüngers Physiognomischer Blick und die Reisetagebücher der fünfziger Jahre

15) Dr. des Nils Penke (Göttingen): Zur Saga-Rezeption bei Ernst Jünger

16) Prof. Dr. François Poncet (Paris): Stich und Schnitt, Feld und Raum. Der Arbeiter als Zuspitzung der Fragment-Ästhetik

17) Dr. des. Petra Porto (Rostock): Geplantes Glück, geglückter Plan - Individuum und Kollektiv in Ernst Jüngers »Heliopolis«

18) Dr. Kai Sina (Göttingen): »Der Wald ist Heiligtum« - Ernst Jüngers »Der Waldgang« (1951) als große Erzählung und Neue Mythologie

19) Prof. Dr. Michael Titzmann (Passau): Ernst Jüngers »Auf den Marmorklippen«. Eine Textanalyse.

20) Ricardo Ulbricht M. A. (Rostock): Herrschaftsansprüche im Naturraum - Ernst Jüngers »Auf den Marmorklippen« und Elfride Jelineks »Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr«

21) Prof. Dr. Marianne Wünsch (Kiel): Irgendein fremder Sinn. Jüngers »Der Kampf als inneres Erlebnis«

ITALIANO:
La ricezione del romanticismo tedesco ed europeo in Ernst Jünger è stato spesso oggetto di asserzioni, anche da parte di noti studiosi, ma non è mai stato documentato in maniera del tutto convincente. Dal momento che tale ricezione rappresenta uno dei topoi della Jünger-Forschung presente in alcune monografie e vari saggi, pare giunto il momento di andare alla ricerca, in maniera sistematica, delle tracce del romanticismo nell’opera jüngeriana. In questo ambito va operata una distinzione tra il romanticismo come epoca (ed i suoi rappresentanti) e la continuazione dell’elemento romantico, il quale pare non solo continuare a sussistere sino ad oggi come una costante, ma ha altresì vissuto successivi sviluppi attraverso le opere di Richard Wagner (»Romantischer Antisemitismus« - »Antisemitismo romantico«) e Friedrich Nietzsche (»Was ist Romantik? – Die fröhliche Wissenschaft« - »Cosa significa romanticismo? – La gaia scienza«]), Thomas Mann (»Das Leben als Kunstwerk« - »La vita come opera d’arte«) e Carl Schmitt (»Politische Romantik« - »Romanticismo politico«). Il principio romantico contraddistingue in questo contesto un atteggiamento dello spirito tedesco, una »carriera dell’immaginario«, che conduce da Heine sino alle inquietudini del ventesimo secolo.

Coordinamento: Prof. Dr. Lutz Hagestedt, Rostock; Dr. Andrea Benedetti, Università della Calabria, Cosenza

Contatto scientifico:
Prof. Dr. Lutz Hagestedt
Universität Rostock
August-Bebel-Str. 28
18055 Rostock
(0381) 498 25 69
lutz.hagestedt@uni-rostock.de

Anmeldung/Registrazione:
Villa Vigoni
Nicoletta Redaelli / Francesca Salvadè
Reception / Segreteria Convegni-Tagungssekretariat
Tel: 0039/0344-361232
Fax: 0039/0344-361247
www.villavigoni.eu
Lu.-Ve.9:00-13:00/14:00-18:00
Mo.-Fr.9:00-13:00/14:00-18:00

2 comments:

Richard said...

Es ist so viel Substanz in Ernst Jünger's Schriften: Ein beredtes Dokument und Zeugnis dafür sind die vielen hier aufgeführten Vorträge.

18) Dr. Kai Sina: "Der Wald ist Heiligtum"
...das hat mich an einen alten, ausgeblichenen Wegweiser erinnert. Nicht weit von meinem Wohnort, am Wald Eingang ermahnt er zur Sorgfalt: Es steht da geschrieben:

"Heilig waren die Wälder den Heiden,
sollen sie unter den Christen leiden?"

Simon Friedrich said...

Sehr schön, Richard!

Und "unter den Christen" hat unsere ganze Erde gelitten. Aber man soll dazu fügen, daß die Christen des letzten Paar Jahrhunderten sicher aus der Art geschlagen sind.

Es stimmt, es sind sehr viele unterschiedliche Vorträge; und sehr wenige Autoren könnten Thema einer solchen Vielfalt sein.